

Als Martin Luther 1501 an die Pforten des Augustinerklosters in Erfurt klopfte und um Aufnahme bat, lag hinter dem Kloster bereits eine Geschichte von fast zweieinhalb Jahrhunderten. 1266 ließen sich die Augustiner in der prosperierenden Stadt Erfurt nieder und begannen 1276 mit dem Bau des Klosters. Um 1335 dürften die Arbeiten an den Hauptgebäuden des Klosters abgeschlossen gewesen sein. Mit der Fertigstellung der Waidhäuser um 1490 und des Bibliotheksbaus 1516 hatte das Kloster seine größte, durchaus beachtliche Ausdehnung erreicht. Im Spätmittelalter galt es als führendes geistiges Zentrum mit hohen geistlichen Würdenträgern und namhaften Gelehrten, die oft an der Universität lasen.
Bis in unsere Tage hat das Kloster sein mittelalterliches Erscheinungsbild weitgehend bewahrt. Das Areal ist noch immer zum Teil von der alten Klostermauer umschlossen. Der Kreuzgang, der Klostergarten, die ehemalige Klausur: Vieles lässt die stumme und in sich gekehrte Welt der Vorreformation erahnen. Gleichzeitig ist dieser Ort einstiger Abgeschiedenheit heute ein einladendes Haus. Zum einen ist das Kloster Luthergedenkstätte und für jedermann zu besuchen. Zum anderen betreibt die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen seit 1980 eine Begegnungs- und Tagungsstätte im Klosterkomplex. Nur eine Mauer trennt diese ungewöhnliche Herberge vom mittelalterlich geprägten, dennoch modernen Stadtkern Erfurts.
Es braucht einige Zeit, bis der Besucher sich im großen und vielteiligen Klosterkomplex zurechtfindet. Was einerseits die Faszination ausmacht, ist andererseits große Last: Viel gibt es zu tun, um solch einen eigenen Kosmos instand zu halten. Lange Jahre waren die Spuren des schweren Luftangriffs auf Erfurt von 1945 zu sehen. Zwar wurden schon zu DDR-Zeiten die Kirche und andere Gebäude wiederhergestellt, aber von der Bibliothek und den Waidhäusern im Westteil der Anlage standen seit dem Krieg nur noch die Fundamente.

Als Luther sich zum Eintritt in das Kloster entschied, wusste er, worauf er sich einließ. Die Augustiner-Eremiten des Schwarzen Klosters in Erfurt nahmen die Grundlagen ihrer religiösen Bewegung ernst. Mitte des 14. Jahrhunderts hatte sich eine Gegenbewegung innerhalb des Augustinerordens gebildet. Denn nach Beginn der Bettelordenbewegung – Erfurt ist eine der frühesten Niederlassungen des Ordens – verbreitete sich schnell eine etwas freiere Auslegung der augustinischen Regeln. Die Gegenbewegung trat dafür ein, sich wieder an die ursprünglichen Gelübde zu halten: kein Besitz, auch keine persönliche Kleidung und Bücher sollten den Weg zu Gott behindern. 1474 schloss sich auch das Erfurter Kloster der Reformkongregation an. Die Mönche lebten nach der neuen Ordnung im Sinne der Reformen, verstärkten das Bibelstudium und vertieften sich in die humanistische Lehre. Innerhalb des Ordens kam es zu großen Spannungen, und Luther steckte mittendrin. Eine Reise Luthers nach Rom 1510 bis 1511 sollte der offiziellen Unterstützung der "Observanten", der strengen Vertreter im Augustinerorden durch den Papst dienen. Groß war die Enttäuschung, als er 1510 nach beschwerlicher Reise dort eintraf. Keine überwältigende Hingabe und Erleuchtung erfasste ihn im Epizentrum der katholischen Kirche, sondern purer Schrecken und Ekel angesichts der durchaus weltlichen Zustände in der klerikalen Welt. Enttäuscht kehrte er diesem Hort der fleischlichen Sünden und der feilgebotenen Ablässe den Rücken und floh Richtung Heimat. Rom, am Beginn seiner Blütezeit als majestätische Renaissancestadt, wurde für Luther als Sitz der korrupten Päpste ein Synonym für den moralischen Niedergang der Kirche. Man weiß, wie sich seine römischen Erlebnisse nach seiner Rückkehr niederschlugen und in ganz Europa erschütternde Ereignisse ihren Lauf nahmen.
Am 10. November 2003, an Luthers Geburtstag, wurde die "Stiftung Augustinerkloster zu Erfurt" als 125. treuhänderische Stiftung in der Obhut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz errichtet. Am 17. Juli 2005 – 500 Jahre nachdem Luther das Kloster betrat – wurde der Grundstein für den Wiederaufbau der Bibliothek auf den Fundamenten des historischen Gebäudes gelegt. Auch an die Waidhäuser wird in moderner Architektursprache, aber in alter Kubatur erinnert. Die Spuren des Krieges sind endlich beseitigt worden.