
Die Neuruppiner fühlen sich wohl in ihrer Stadt. Im Gegensatz zu manch anderem Ort in Brandenburg ist Abwanderung hier kein Thema, der historische Kern ist bevölkert und belebt. Man wohnt gerne in den hell verputzten Altbauten mit den unterteilten Holzfenstern und flaniert an den vielen originalen Haustüren vorbei.
Nach dem verheerenden Brand von 1787 war Neuruppin als frühklassizistische Musterstadt mit typisierten Häusern und Fassaden wieder aufgebaut worden. Dass sie nach 1990 so überzeugend revitalisiert werden konnte, hat auch etwas mit der oft gescholtenen Detailverliebtheit der Denkmalpfleger zu tun. Diese mussten in der Bürgerschaft zunächst Überzeugungsarbeit leisten. Denn vielen erschien die Kunststofftür aus dem Baumarkt als das Mittel der Wahl, die alten Fassaden schnellstmöglich aufzufrischen. Dabei können historische Fenster oder Türen bei guter Pflege viele hundert Jahre überstehen, während neue oft nur eine Lebensdauer von 40 Jahren haben.

Um die Stadt zu unterstützen, nahm die Deutsche Stiftung Denkmalschutz Neuruppin in ihr Bürgerhausprogramm auf und förderte über Jahre vorwiegend die Restaurierung alter Türen von Spätbarock bis Jugendstil. Heute kann jeder im Stadtbild sehen, dass sich der Aufwand gelohnt hat.
Türen und Fenster sind oft die Elemente eines Denkmals, die am meisten gefährdet sind. Nicht nur, weil sie besonders anfällig für Verschleiß sind, sondern vor allem, weil es an Bewusstsein für ihren Wert als originales Bauteil mangelt. Eine Tür ist nicht nur Durchgang, ein Fenster nicht nur Durchlass für Licht und Luft. Bereits Größe, Anordnung und Form sind ein entscheidendes Gestaltungsmittel. Selbst ein schlichtes, weitgehend schmuckloses Fenster ist ein komplexes Gebilde, das sich aus dem festen Rahmen, den beweglichen Flügeln, den oft aufwendig gearbeiteten Beschlägen, Verschlüssen und Griffen und zuweilen Läden zusammensetzt. Historische und regionale Entwicklungen haben dabei eine Vielfalt von Konstruktionsarten und Verschlussmechanismen hervorgebracht.

Angesichts heutiger Massenware vergisst man leicht, dass historische Fenster und Türen Meisterstücke sind, an denen viele verschiedene Gewerke ihren Anteil haben. Sie sind Denkmale im Denkmal, die es ebenso zu pflegen und zu erhalten gilt wie das Gebäude selbst. Und doch werden diese Schätze oft viel zu leichtfertig entsorgt.
Bei der Restaurierung von Altbauten sollte der komplette Austausch die letzte aller Optionen sein. Denn die Fenster und Türen lassen sich in den meisten Fällen reparieren – auch unter Berücksichtigung von Wärme- und Schallschutz. Der ökologische Aspekt spricht ohnehin dafür. Versierte Fensterhandwerker und Restauratoren sind in der Lage, die Originalsubstanz aufzuarbeiten und für lange Zeit zu konservieren. Gestrichen wird im Idealfall mit Leinölfarbe nach alter Rezeptur – das ist nicht nur historisch korrekt, sondern auch garantiert haltbar und frei von Schadstoffen. Wenn einzelne Teile, etwa Beschläge, ersetzt werden müssen, bieten Anbieter historischer Baustoffe das in die jeweilige Epoche passende Material. Ist ein Fenster oder eine Tür wirklich verloren, kann man sich manchmal mit andernorts ausgemusterten Exemplaren behelfen, bevor ein originalgetreuer Nachbau in Angriff genommen wird.

Fenster bereichern Fassaden, können aber ebenso gut ein Armutszeugnis sein. Mit industriell gefertigter Standardware lässt sich das einheitliche Erscheinungsbild eines ganzen Straßenzuges zerstören – Negativbeispiele gibt es leider zuhauf. Berüchtigt sind die "Sprossen in Aspik", Doppelscheiben mit innen liegenden Plastikstreben. Was der Handel als "die ideale Lösung für maximalen Reinigungskomfort" anpreist, ist der Todesstoß jeder historischen Fassade. Wie schnell wird der Ausdruck eines Hauses mit Billigware zur Grimasse verzerrt.
Eingangstüren "von der Stange" können kaum die Würde eines Denkmals bewahren. Daher wurde nun die treuhänderische Gemeinschaftsstiftung Historische Fenster, Türen und Tore in der Obhut der DSD gegründet – sie will dafür sorgen, dass alte Häuser nicht so leicht ihr Gesicht verlieren.