mit dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Prof. Dr. Dr. Ing. E.h. Gottfried Kiesow
Als damals eine kleine Gruppe von Leuten sich traf, um über eine Stiftung für den Denkmalschutz nachzudenken, war der National Trust in Großbritannien unser großes Vorbild. Eigentlich wollten wir – zumindest zeitweise – akut bedrohte Objekte übernehmen, sie sanieren und sie dann wieder einem Nutzer übergeben. Durch die Wende ist dann eine ganz neue und große Aufgabe auf uns zugekommen, für die wir inzwischen über 190.000 private Förderer begeistern konnten. Dank unserer Spender und der Fernseh-Lotterie GlücksSpirale konnten wir ab 1990 sehr schnell durch direkte Zuschüsse helfen. Dadurch wurde aus der ursprünglichen Wirtschaftsstiftung eine Bürgerstiftung, eine der großen Bürgerbewegungen für den Denkmalschutz in Deutschland.
Alle historischen Bauten und Stätten sind es wert! Sie alle geben Zeugnis von dem, was unseren Vorfahren wichtig war. Sie belegen, was frühere Architekten und Handwerker konnten, wie sie mit Material, Technik und Natur umgingen – und davon können wir heute noch viel lernen. Es sind Erfahrungen von Generationen, die in den Bauwerken, in den Stadtgrundrissen und in den landschaftstypischen Formenwelten stecken. Wir werden die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Vergangenheit kennen – da reichen Bücher nicht aus. Am originalen Zeugnis lernen wir immer wieder etwas über die guten und schlechten Phasen der Geschichte, um die Zukunft gestalten zu können.
Denkmalpflege ist eigentlich nicht in erster Linie Aufgabe von Ämtern und Behörden. Denkmalpflege ist eine Aufgabe aller in unserer Gesellschaft. Denn es sind wir Bürger, die in unseren Städten leben und diese gestalten. Die amtliche Denkmalpflege soll dieses Bürgerengagement unterstützen und fördern, fachlich untermauern und Hilfestellung geben. Dafür braucht sie natürlich eine angemessene personelle und finanzielle Ausstattung, die inzwischen leider vielerorts zusammengestrichen ist. Die amtliche Denkmalpflege muss der stets mahnende Anwalt der Denkmale sein, im Streit zwischen den verschiedenen Interessen. Die Bürger aber sind sozusagen die Geschworenen, die letztlich mit ihrem Engagement darüber entscheiden, ob die historischen Zeugnisse auch für die nächsten Generationen gerettet werden. Denn ohne die Bürger ist auf Dauer kein Gebäude, keine Parkanlage, geschweige eine historische Stadt zu bewahren.
Durch das europäische Denkmalschutzjahr 1975 und als Gegenreaktion auf die Abrisse und Flächensanierungen der 70er Jahre hatte der Denkmalschutz eine breite öffentliche Akzeptanz erlangt. Auch nach der Wende war das Interesse am historischen Erbe sehr groß, man entdeckte vieles wieder, das zwar marode, aber doch in faszinierender Originalität noch erhalten war. Die Begeisterung für die Denkmale hatte Bürger und Politiker gleichermaßen erfasst und auch zu dem notwendigen finanziellen Engagement motiviert. Heute scheint mit dem Argument der knappen Kassen alles vergessen zu sein. Dabei ist die Investition in die Denkmalpflege neben ihrer Bedeutung für Identität und Selbstbewusstsein der Menschen erwiesenermaßen eine effektive Wirtschaftsförderung für den Mittelstand, hat Wirkungen auf die Ausbildungssituation im Handwerk, führt zu Imageverbesserungen der Städte und gilt als "weicher Standortfaktor" und auch die Wirkung für die Tourismuswirtschaft ist belegt.
Die Entwicklung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in den letzten 25 Jahren ist eine Erfolgsgeschichte. Wir haben das den erfreulichen Umständen der Geschichte, aber auch immer wieder dem Engagement, dem Mut und der Begeisterung Einzelner zu danken, die uns zur richtigen Zeit unterstützt haben. Und jedem Einzelnen unserer Förderer, die uns ihre Spenden anvertrauen und ihre Verbundenheit spüren lassen. Dieses Vertrauen wollen wir auch in Zukunft erfüllen und unsere Arbeit verstetigen.
Denkmalschutz ist für mich eine der reizvollsten Aufgaben, denen man sich stellen kann. Es geht dabei um die Gestaltung unserer heutigen Umwelt und darum, der Zukunft eine Basis zu geben. Ich sehe das so: Denkmalpflege betreiben wir als Dank an die Vergangenheit, aus Liebe zur Gegenwart und als Geschenk für die Zukunft.
