12. September 2010
Lüneburg
Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.
Stellen wir uns - einen kurzen Moment lang - Lüneburg ohne diesen wunderschönen Marktplatz vor. Ohne die schönen kleinen Gassen mit Kopfsteinpflaster. Ohne die so liebevoll restaurierten alten Häuser. Undenkbar? Für uns Heutige schon. Aber die berühmte Altstadt von Lüneburg hätte auch anders aussehen können, wenn es nicht Menschen gegeben hätte - erst Einzelne, dann immer mehr - , die gekämpft haben für die Erhaltung der historischen Bauten. Uns mag es fraglos so erscheinen, dass man ein Kaufmannshaus aus Zeiten der Hanse nicht einfach so abreißt. Aber gerade in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war das alles andere als selbstverständlich. Man sorgte sich um die Standfestigkeit der Häuser - hier in Lüneburg, wie Sie wissen, durchaus mit guten Gründen. Man wollte Platz für Autos, Parkplätze. Man hatte weder die Mittel noch kannte man die Techniken, um die alten Schätze zu wahren. Vor allem aber fehlte oft auch der Sinn für den historischen Wert der alten Gebäude.
Heute sind wir dankbar, dass es Menschen gab, die diesen Wert beizeiten erkannt haben, dass sie ihre Zeit, ihr Geld, ihr Herzblut dafür eingesetzt haben, dass die historischen Bauten gerettet und wieder genutzt werden. Wir sind stolz, dass durch die Restaurierung auch alte Handwerkstechniken wieder neu entdeckt wurden. Und wir sind froh, dass es heute - auch dank der Deutschen Stiftung Denkmalschutz - überall in unserem Land eine breite Bewegung für den Erhalt von Kulturgütern gibt. Sie lebt vom gemeinsamen Engagement vieler Einzelner in Behörden, Verbänden, Vereinen, Bürgerinitiativen und von privaten Eigentümern. Ich will als Bundespräsident mein Teil dazu beitragen. Darum habe ich sehr gern - wie meine Vorgänger - die Schirmherrschaft über die Stiftung übernommen.
Der Erfolg von Initiativen wie dem "Tag des offenen Denkmals" zeigt: Viele Menschen wollen wissen, woher sie kommen und worauf sie aufbauen, auch im wörtlichen Sinne. Dafür braucht es Orte, an denen man - auch das im wörtlichen Sinne - begreifen kann, welche Fähigkeiten, welche Ideen und welchen Sinn für Schönheit unsere Vorfahren hatten. Und gerade wer Kinder hat, weiß, wie spannend es auch für einen selber sein kann, wenn man ihnen erklärt, wie was früher funktionierte und wie unsere Vorfahren ihr Leben gemeistert haben. Um uns herum wandelt sich so vieles so rasant, manches droht verloren zu gehen. Darum ist es so wichtig, die gewonnenen Erfahrungen vergangener Generationen auch den nachfolgenden Generationen zu überliefern. Denn mit diesem Reichtum pflegen wir auch einen Teil unserer Kulturnation und damit unserer eigenen Identität.
Natürlich sollte man das Vergangene nicht idealisieren. Die Geschichte der Menschheit ist seit jeher eine Geschichte des Wandels. Altes verging, Neues kam hinzu. Kulturen sind nie etwas Statisches gewesen. Das klingt ja auch im diesjährigen Motto "Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr" an. Menschen und Dinge, Techniken und Moden, Sitten und Gebräuche zirkulieren nicht erst seit dem Zeitalter der Globalisierung. Fernreisen, Fernhandel, Migration hat es immer gegeben. Ich finde es gut, dass man am "Tag des offenen Denkmals" zum Beispiel auch erfahren kann, wie frühere Einwanderergenerationen oder Baumeister und Handwerker aus der Fremde das Gesicht unserer Städte geprägt haben. Vielleicht schärft das auch unser Verständnis für die heutigen Wandlungsprozesse in unserem Land.
Wandel geht fast immer mit Gewinn und Verlust einher. Auch das kann man am "Tag des offenen Denkmals" erleben. Denken Sie an den "Alten Kran", eines der Wahrzeichen Lüneburgs, einstmals Symbol für Handel und Prosperität. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnlinie Hamburg-Hannover entstand und der Lüneburger Hafen verwaiste, wurde der Kran gewissermaßen zum Denkmal einer vergangenen Epoche. Heute bestaunen wir die damals so revolutionären Dampflokomotiven im Museum - wenn sie denn erhalten blieben.
Am Beispiel Lüneburgs und seiner wunderbaren Altstadt sehen wir auch, dass sich nicht nur die Zeiten ändern, sondern mit ihnen die Ansichten darüber, was bewahrenswert ist. Wie oft haben Denkmalschützer als einsame Rufer in der Wüste begonnen, wie froh sind wir inzwischen über ihren Einsatz. Was übersehen wir heute? Wie können wir gegen Ignoranz im Umgang mit unwiederbringlichen Kulturgütern vorgehen? Gegen eine von privatem Gewinn motivierte Rücksichtslosigkeit? Wie können wir Überliefertes so bewahren, dass mehr bleibt als bloß die Fassade? Wie schaffen wir es, trotz schwindender Mittel das Wichtige zu unterstützen?
Ohne die tätige Hilfe der Bürgerinnen und Bürger für ihr eigenes Kulturerbe jedenfalls nicht. Mehr denn je kommt es darauf an, ihr Engagement zu bündeln und zu kanalisieren. Darum ist die Deutsche Stiftung Denkmalschutz so wichtig. Denn Stiftungen, Bürgerinitiativen, Einzelpersonen und öffentliche Hand können durch kluges gemeinsames Handeln erreichen, was allein kaum zu schaffen wäre.
Denkmalschutz wird auch weiterhin ein fortwährender Kampf sein: gegen den Zahn der Zeit, gegen Unkenntnis und leere Kassen. Aber wenn ich mich hier umsehe, wenn ich sehe, was alles erhalten, zugänglich, lebendig gemacht wurde durch diesen Kampf, wenn ich erlebe, wie stolz die Lüneburgerinnen und Lüneburger auf ihre Häuser und ihre Altstadt sind, dann sage ich mir: Wir müssen uns - frei nach Albert Camus' Sisyphos - den Denkmalschützer als einen glücklichen Menschen vorstellen. Dann sage ich mir: Er lohnt sich!
Text als rtf-Datei herunterladen