

Wer Anfang letzten Jahrhunderts für seine erschöpfte Seele neue Kräfte suchte, und dazu die Annehmlichkeiten eines Grand-Hotels nicht missen wollte, entschied sich häufig für einen Aufenthalt im niedersächsischen Braunlage. Dort war das "Rekonvaleszentenheim der besseren Stände" unter der Leitung von Dr. Barner ein Ort der Genesung für die gehobene Gesellschaft. Ein Gesamtkunstwerk des Jugendstils - über die Generationen hinweg sorgfältig bewahrt - , das Vergleiche nicht scheuen muss. Mit der Gründung der "Stiftung Sanatorium Dr. Barner", der 100. Treuhänderischen Stiftung innerhalb der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, kann man hier nun zuversichtlicher in die Zukunft blicken. Das Umfeld und die Atmosphäre des Hauses, das von der Formensprache des späten Jugendstils geprägt ist, sind bei der Genesung der Patienten von nicht zu unterschätzender Bedeutung – ohne freilich die Leistung der Ärzte und Psychologen schmälern zu wollen.
Noch heute wird der Besucher des Sanatoriums auf wundersame Weise von Zeitlosigkeit und Ruhe eingeholt. Vieles erinnert an die Stimmung des Zauberbergs, die Thomas Mann in seinem Roman so meisterhaft ausgemalt hatte. Schade nur, dass er nicht selbst an diesem Ort weilte und ihn durch seine Beschreibung adelte.

Neben vielen anderen wohlklingenden Namen begab sich 1903 auch der erfolgreiche und gestresste Kunstgewerbler Albin Müller, der mit seinen 32 Jahren unter Schlaflosigkeit und Magenbeschwerden litt, in das Sanatorium in Braunlage. Bald entwickelte sich zwischen Müller, später einmal Leiter der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, und dem kunstsinnigen Arzt Dr. Barner eine Freundschaft, aus der schließlich der erste Auftrag hervorging: Noch bestand das Sanatorium aus zwei benachbarten Häusern einer Villenkolonie, der Zeit und dem Ärztegeschmack gemäß im gutbürgerlich historistischen Stil. Dies entspreche einfach nicht mehr den neuen Gedanken der Zeit, wurde Dr. Barner aufgeklärt, neue Behandlungsmethoden wie zum Beispiel körperbefreiende Gymnastik nackt im Freien erforderten auch moderne Entsprechungen im Gebäudeinneren. Albin Müller entwarf 1905 eine an den weichen Linien Henry van de Veldes orientierte Einrichtung für die beiden Villen. 1910 wurde auf der Weltausstellung in Brüssel zudem eine Zimmereinrichtung von Peter Behrens erworben und in den Harz gebracht. 1911 schließlich erhielt Albin Müller endlich die langersehnte Chance, auch als Architekt tätig zu werden: Ein Verbindungsbau zwischen den beiden Villen wurde geplant, und entstanden ist ein Jugendstilensemble, das seinesgleichen in Deutschland sucht.
Zu beeindrucken vermag vor allem das Sanatoriumsinnere: Mit den Jahren hatte sich Albin Müllers Stil zu einer, wie er selbst formuliert, "herberen" Sprache entwickelt, eine äußerst elegante, in den geometrischen Formen des späten Jugendstils. Jeder Raum ist durchgestaltet, jedes Detail – vom Boden über die Wände zur Decke, vom Türgriff über die Möbel zur Lampe und zum Geschirr – von Albin Müller sorgfältig entworfen. Ganz besonders wertvoll, weil nirgendwo sonst mehr vorhanden: der durchmusterte Linoleumboden, damals Inbegriff perfekter Hygiene, und Linkrusta-Tapeten. Sie sind so selten erhalten, dass man erst herausfinden muss, wie man sie restaurieren kann. Mit Hilfe der Treuhänderischen Stiftung wird vieles, was Not tut, um dieses Kleinod des Jugendstils zu erhalten, ermöglicht werden. Ein wahres Glück – nicht nur für die Genesung suchenden Patienten des Hauses!