St. Nikolai
Quedlinburg, Sachsen-Anhalt

St. Nikolai

Steinschlag als Beginn der Adventszeit

Der 1. Dezember 2013 sollte auch in Quedlinburg im Harz den Beginn der Vorweihnachtszeit einläuten. Für den Abend war ein Adventskonzert in der Pfarrkirche St. Nikolai in der Neustadt geplant. Doch der besinnliche Abend unter dem gotischen Kreuzgewölbe war beendet, bevor der erste Ton angestimmt werden konnte: Wenige Stunden vor Konzertbeginn löste sich ein Stück der Gewölberippe des südlichen Seitenschiffs und schlug mit ohrenbetäubendem Lärm auf dem Boden auf. Es grenzt an ein Wunder, dass die Kirche zu diesem Zeitpunkt leer war und niemand zu Schaden kam. Das Gotteshaus musste umgehend gesperrt werden. Nachdem weitere abgeplatzte Steine Sorgen machten, ließ die Gemeinde die Kirche mit Fangnetzen sichern und das Kreuzrippengewölbe untersuchen. Hier folgte der nächste Schreck: Per Ultraschallmessung stellte man fest, dass die aus der Erbauungszeit stammenden, eisernen Verbindungsdübel, die die Rippenteile miteinander verbinden, korrodieren. Dabei dehnen sie sich aus und sprengen den Sandstein. Die Rippen lassen sich nicht reparieren, sondern müssen vollständig ersetzt werden - und das bei sämtlichen Jochen!

Helfen Sie St. Nikolai in Quedlinburg!


Ein Schatzfund machte es möglich: Von Hirten errichtet, für Bauern erbaut

St. Nikolai wurde Anfang des 13. Jahrhunderts als romanische Basilika errichtet. Da war die heutige Welterbestadt Quedlinburg schon knapp 400 Jahre alt und hatte sich bereits über den Mühlgraben nach Osten ausgedehnt. Die „Neustadt“ wurde damals mehrheitlich von ehemaligen Bewohnern der umliegenden Dörfer besiedelt. Politische Wirren und eine schlechte wirtschaftliche Lage trieben die Bevölkerung vom flachen Land in die Nähe und den Schutz der befestigten Stadt. Rund um St. Nikolai als Zentrum entstand ein mehrheitlich von Bürgern bewohnter Stadtorganismus, die von ihrem Wohnsitz aus weiterhin die Felder rund um Quedlinburg bestellten. Der Legende nach verdankt die Kirche ihren Ursprung zwei Hirten. Diese fanden, als sie ihre Schweineherde hüteten, nördlich der Stadt einen Goldschatz, den sie für den Bau der Kirche spendeten. Noch heute befinden sich an einem der mächtigen, 72 Meter hohen Türme zwei Statuen, die einen Schäfer und seinen Hund zeigen. Aus dem romanischen Bau entwickelte sich durch mehrere Um- und Ausbauphasen zwischen etwa 1240 bis ins frühe 14. Jahrhundert eine gotische Kirche. Noch heute wird St. Nikolai besonders durch die damals entstandene Doppelturmfassade mit ihren Spitzhelmen geprägt, welche die Fachwerkgassen der Neustadt beherrschen. Die gotischen Bauphasen lassen sich am Äußeren des Baus mit seinem im Laufe der Zeit dunkel verfärbten Sandstein noch anschaulich ablesen. Betritt man das Kircheninnere, so wirkt der von einem Kreuzgewölbe überspannte Innenraum sehr gedrückt. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass man im frühen 15. Jahrhundert plante, das Kirchenschiff mit einem hallenartigen Aufbau zu versehen und die Seitenschiffe zu verbreitern, was jedoch nie umgesetzt wurde. Die noch heute umfassend erhaltene, wertvolle Innenausstattung hingegen stammt im Wesentlichen aus dem Barock. Besonders beeindruckend ist der über zehn Meter hohe und sieben Meter breite Altar des Goslarer Bildschnitzers Jobst Heinrich Lessen. Auch Kanzel und Taufengel mit ihren filigranen Schnitzereien stellen bedeutende Kunstwerke dieser Zeit dar. Definitiv nicht ins originale Bild gehören die großflächig unter das Gewölbe gespannten Fangnetze – sie sichern das Kircheninnere vor weiterem herabfallenden Gestein und lassen eine Besichtigung des Innern überhaupt zu.

Himmlische Unglücksfälle

Mehrfach während ihres Bestehens war St. Nikolai Opfer der Naturgewalten. So schlug im 17. Jahrhundert allein dreimal der Blitz in die Türme ein, ein Orkan beschädigte die Turmhelme 1972 so stark, dass die Bewohner der umliegenden Häuser ihre Bleibe verlassen mussten – man befürchtete den Absturz der Konstruktionen. Ein Abriss der Türme konnte damals nur mit einem Notfonds der evangelischen Kirche verhindert werden. Nach der Wende beschädigte 1996 ein Schwelbrand in der Sitzbankheizung die gesamte Innenausstattung, eine dicke Rußschicht legte sich auf die Kunstwerke, und feinste Risse durchzogen die Buntglasfenster. Schon damals konnte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz auch mit Hilfe ihrer treuhänderischen "Busch-Stiftung Quedlinburg St. Nikolai" die Komplettrestaurierung unterstützen. Die Sanierungsarbeiten waren auf einem guten Weg – bis zum ersten Advent 2013!

Immenser Kraftakt für ein stabiles Gewölbe

Der erste Bauabschnitt zur Gewölbesicherung läuft momentan – die Gesamtsanierung bedeutet eine große Kraftanstrengung. Noch immer liegen 15 Joche vor den Steinmetzen, von denen die Gemeinde nicht weiß, wie sie diese bezahlen soll. Die mittelalterliche Nikolaikirche braucht mehr denn je Ihre Unterstützung! Helfen Sie uns, mit Ihrer Spende die Rippen der Gewölbejoche zu ersetzen, damit bald wieder Gottesdienste und Konzerte unter einem sicheren Gewölbe stattfinden können.

Gotische Halle mit älterem Chor und Westriegel, Mitte 13. bis Mitte 15. Jh., Restaurierung 1879-85, Förderung 1999-2003, 2006-10, 2012-16

Adresse:
Neustädter Kirchhof
06484 Quedlinburg
Sachsen-Anhalt