Genau 161,53 Meter misst der Kirchturm des Ulmer Münsters. Damit überragte er seit seiner Fertigstellung im Jahr 1890 über 100 Jahre lang nicht nur den Kölner Dom, sondern auch sämtliche andere Kirchen dieser Welt. Seit 2025 ist der Turm weltweit nur noch der zweithöchste – durch eine Kreuzanbringung auf dem zentralen Turm der unvollendeten Sagrada Família in Barcelona ist die Gaudi-Kirche mit einer Höhe von 162,91 Meter neuer Rekordhalter. Ob auf dem ersten oder zweiten Rang – das Ulmer Münster ist ein Meisterwerk der Gotik. Das gigantische Bauprojekt mit einer über 500-jährigen Geschichte wurde von Generation zu Generation weitergegeben.
"Über Feld", rund einen Kilometer vor den schützenden
Stadtmauern, stand die damalige Pfarrkirche der Ulmer. Als die
Stadt im Jahr 1376 von Karl IV. (1316-1378) besetzt wurde und
ständige Unruhen herrschten, waren es die Einwohner leid, dass ihr
Kirchgang zur Gefahr wurde. Sie beschlossen den Bau einer neuen
Kirche – diesmal innerhalb der Stadtmauern. Zumal die Pfarrkirche
auch auf Reichenauer Grund lag. Die Ulmer hatten folglich kein
Mitspracherecht und sämtliche Spenden flossen geradewegs in die
Kassen des Klosters Reichenau.
Finanziert wurde der Bau des Ulmer Münsters von den Bürgern der
Stadt, die angeblich sogar selbst die Steine dafür trugen. Die
Grundsteinlegung fand am 30. Juni 1377 unter dem damaligen
Baumeister Heinrich II. Parler (zwischen 1300 und 1310-1370) und
dem Bürgermeister Ludwig Krafft statt. Dabei stand Krafft
höchstpersönlich in der – laut dem Chronisten – "ungeheuren
Baugrube". Mit einem Kran wurde ein riesiger Grundstein in die
Grube herabgelassen, die der Bürgermeister mit hundert Goldstücken
bedeckte. Ihm folgten die Patrizier und zuletzt die Bürger, bevor
sie sich anschließend an den Bau der größten Kirche des Heiligen
Römischen Reiches machten.
Blickt man heute auf den imposanten Bau, mag man nicht vermuten,
dass es sich bei Parlers ursprünglichem Plan lediglich um ein paar
vage Zeichnungen handelte ohne technische oder statische
Bemessungen. Stattdessen berief man sich auf Erfahrungswerte oder
mündlich überliefertes Wissen. Nach Parlers Tod führte sein Bruder
Michael und später sein Sohn – ebenfalls Heinrich – den Bau weiter.
Als dieser Ulm verließ, um in Mailand zu arbeiten, folgte Ulrich
von Ensingen (1359-1419), der den Bauplan grundlegend änderte. Er
setzte sich in den Kopf, den größten Kirchturm des christlichen
Abendlandes zu errichten. Eine waghalsige Idee, deren Folgen sein
Nachfolger, der Architekt Matthäus Böblinger (1450-1505), zu spüren
bekam.
In einer Mittagspredigt im Jahr 1492 stürzten plötzlich Steine
aus dem Gewölbe des fehlerhaft fundamentierten Hauptturms. Die
Besucher der Predigt flohen panisch aus der Kirche, weil – so
schreibt es der Chronist – "sie meinten, das Münster wolle
umfallen". Obwohl Böblinger nicht die geringste Schuld traf,
kündigte ihm die Stadt. Sein Nachfolger Burkhard Engelberg
(1447-1512) gilt deswegen als "Retter" des Ulmer Münsters. Er
stabilisierte den Turm und teilte die Seitenschiffe, die ebenfalls
einzustürzen drohten. Im Jahr 1543 wurden die Arbeiten an dem
Mammutprojekt "zur Verhütung der Kosten" eingestellt. Über 300
Jahre ruhte der Bau am Ulmer Münster – aus finanziellen, aber auch
ästhetischen Gründen, weil der Stil der Gotik mittlerweile längst
überholt war.
Erst 1844 nahm man die Arbeiten am Münster wieder auf. Der
ursprünglich 151 Meter hohe Turm wurde noch einmal um rund zehn
Meter erhöht. Warum, ist ungewiss. Dass man lediglich den Kölner
Dom um einige Meter habe überragen wollen, wird von den Ulmern
zumindest vehement abgestritten. 1890 war der Bau endgültig
abgeschlossen, zum langfristigen Erhalt dieser Landmarke müssen
Sanierung und Pflege der Kirche aber kontinuierlich
weitergehen.
Als der Turm vor einigen Jahren wieder in Gefahr war, konnte die
Deutsche Stiftung Denkmalschutz helfen. Diesmal machte jedoch nicht
die Statik Probleme, sondern der Glockenstuhl. Die
Eisenkonstruktion und einzelne Glocken mussten dringend saniert
werden. Durch Feuchtigkeitsschäden waren zudem Schmuckteile des
Turmes marode. Die starke Krustenbildung verhinderte das
diffusionsoffene Verhalten der Figuren, so dass eindringende
Feuchtigkeit zu Schäden am Sandstein führte.
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz beteiligte sich darüber hinaus
an verschiedenen Glasrestaurierungsarbeiten. Die Fenster wurden
herausgenommen, gereinigt, schadhafte Stellen gesichert und wieder
eingebaut, wobei die Schutzverglasungen teilweise unterteilt und
mit Sicherheitsglas ergänzt wurden. Zahlreiche Arbeiten an der
Innenraumausstattung wie die fachgerechte Restaurierung des
Hauptaltares, zahlreicher Tafelgemälde und Altäre der
Seitenkapellen sind darüber hinaus in den vergangenen Jahren durch
die treuhänderische "Julius-Rohm-Stiftung" in der Deutschen
Stiftung Denkmalschutz realisiert worden.
2014 hat die private Stiftung die Sanierung des Chormauerwerks und
der Chorfenster gefördert. Vor allem die Chorfenster waren in einem
desolaten Zustand, das Mauerwerk verwittert und einzelne Steinteile
wiesen Ausbrüche auf. Anschließend wurde die aufwändige Sanierung
des steinernen Turmhelms in Angriff genommen. 2022 konnte der
Westturm mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz saniert
werden. 2025 wurde mit Restaurierungsmaßnahmen am Haupt- und am
Nordturm begonnen.
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