Bremen

Haus des Reichs

Imperium der Textilindustrie

Zeit ist Geld. So dachte wohl die Unternehmerfamilie Lahusen, als sie im Innenhof ihres Firmensitzes in Bremen einen Brunnen mit einer von weitem gut sichtbaren Uhr errichten ließen, damit die Mitarbeiter, die aus dem Fenster sehen, daran erinnert würden, weiterzuarbeiten. Damals war die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei – kurz Nordwolle – einer der größten Wolle verarbeitenden Konzerne der Welt.

Von 1928 bis 1930 entstand der Verwaltungskomplex. Für die Ausstattung wählte man an vielen Stellen nur das Beste vom Besten. Doch ihren repräsentativen Firmensitz konnten die Eigentümer nur kurz nutzen, weil sie durch die Weltwirtschaftskrise 1931 Konkurs anmelden mussten. So ersteigerte ihn der Staat, was ihm auch den Namen „Haus des Reiches“ einbrachte.

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Expressionismus der Extraklasse

Insgesamt 18.500 Quadratmeter Nutzfläche hat das große Bürogebäude unweit der Wallanlagen in Bremen, das auch heute noch eines der größten der Hansestadt ist. Es kann mit seiner detailreichen Gestaltung im Innen- und Außenbereich als Gesamtkunstwerk betrachtet werden. Architekten waren die Bremer Brüder Hermann (1891–1984) und Eberhard Gildemeister (1897–1978), die 1927 den Wettbewerb für den Bau gewonnen hatten. Das Gebäude folgt keinem einheitlichen Stil, jedoch ist der Einfluss der 1920er Jahre unverkennbar: Die Ökonomie des „Neuen Bauens“ zeigt sich in seiner Funktionalität. Am seitlichen Turm des Gebäudes ist ein großes, von weitem sichtbares Zifferblatt angebracht, das wie die Uhr im Innenhof die Angestellten an effizientes Arbeiten erinnern sollte. Heute noch funktionierende Paternoster brachten die Angestellten schnell an ihren Platz.

Das Gebäude ist mit expressionistischen Figuren aus Naturstein an der Sandsteinfassade und aus Terrakotta an der Backsteinfassade des Innenhofs geschmückt, die der Bildhauer Richard Kuöhl (1880–1961) aus Hamburg schuf. Expressionistisch beginnt auch die Ausgestaltung des Gebäudeinneren mit den dunklen, höhlenartigen Eingängen. Die prachtvollen Treppenhäuser aus Naturstein mit schmiedeeisernen Geländern, aufwändigen Leuchtern und großen Figuren auf den Handknäufen der Treppengeländer im Eingangsbereich sind im Stil des Art Déco geschaffen.

Einzigartigem Brunnen drohte der Verfall

Das „Haus des Reichs“, das heute Sitz des Finanzamts und Dienstsitz des Senators für Finanzen ist, ist fast original erhalten. Bei der Instandstzung des charakteristischen Brunnens im Innenhof hilft die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Durch einen Sturm im Jahr 2017 und durch fortwährende Witterungseinflüsse war er in einem bedauernswerten Zustand. Die Terrakottaelemente des fünf Meter hohen, expressionistisch gestalteten Brunnenaufbaus mit der Uhr waren zum Teil zerstört oder abgebrochen. Durch die Speier konnte kein Wasser mehr fließen, weil sie korrodiert oder geschädigt waren!