Heilandskapelle
Frankfurt (Oder), Brandenburg
© Sebastian Wallroth

Heilandskapelle

Ort des Gebets fernab der Heimat

Wo sich heute, nordwestlich des Stadtzentrums von Frankfurt (Oder), mehrheitlich Einfamilienhäuser in lockerer Bebauung verteilen, mussten im Verlauf des ersten Weltkriegs bis zu 23.000 Kriegsgefangene darauf warten, wieder nach Hause zu kommen. Auf dem Gelände eines 1907 aufgegebenen Braunkohlebergwerks internierte man neben Briten, Franzosen, Italienern und Serben vornehmlich russische Kriegsgefangene. Gemäß der Haager Landkriegsordnung von 1899, die 1907 nochmals angepasst wurde, wurde Kriegsgefangenen explizit die Ausübung ihrer Religion in Gefangenschaft gestattet. So kam es, dass mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes russische Soldaten 1915/16 eine Holzkirche auf dem Gelände der alten Zeche erbauten, die heute als ein besonderes Denkmal aus der Zeit des Ersten Weltkriegs gelten kann.

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Blockhaus mit Liebe zum Detail

Als Baumaterial wurde Holz aus dem damals neutralen Schweden beschafft. So kommt es, dass der Bau in traditioneller Blockbauweise nach sibirischen Vorbildern errichtet wurde. Dies brachte der Kirche schnell den Namen „Russenkirche“ ein. Kirchenschiff und Chor wurden auf rechteckigem Grundriss errichtet. Der Westturm ist in das Dach integriert und wird von einem flachen Zeltdach abgeschlossen, das zwei geschnitzte Drachenköpfe zieren. Asymmetrisch vor der Turmfassade befindet sich eine kleine Eingangshalle, deren rundbogiges Portal ein gespiegeltes Drachenmotiv präsentiert. Die Außenwände sind mit horizontalen, schwarz gestrichenen Halbrundhölzern verkleidet, akzentuiert wird der Außenbau durch weiß getünchte Windbretter mit Schnitzereien.

Kirchenschiff als Multifunktionsraum

Die Kirche diente allen Konfessionen als sakraler Raum und wurde von diesen getrennt voneinander genutzt. Während anfangs ausschließlich die Wachmannschaften hier ihre protestantischen und katholischen Gottesdienste abhielten, nutzten bald darauf die bis Kriegsende internierten Christen, Russisch-Orthodoxen und Juden die Kapelle als Gebetsraum. Die Grundkonstruktion des Kirchenschiffs erinnert an eine Scheune. Den Altarraum im Osten schmücken zahlreiche Kunstwerke, die von den Gefangenen selbst angefertigt wurden, so beispielsweise der geschnitzte Altar, Figuren der zwölf Apostel und Bilder mit religiösen Motiven.

Gegenüber im Osten befindet sich eine kleine Bühne, die von einer Empore überspannt wird und die als Orchesterbereich genutzt wurde. Die bis heute im original erhaltenen Kirchenbänke haben aus diesem Grund auch keine Lehnen - während der Gottesdienste saßen die Lagerinsassen zum Altar ostwärts gewandt, zum Geniessen des Programms auf Bühne und Empore drehte man sich nach Westen.

Drachenmotive als großes Rätsel

Das Drachenkopfmotiv, welches auch das Dach des Kirchturms schmückt, ist in der gesamten Kirche vorzufinden. So sind außer dem Portal auch die Riegelköpfe der Hauptgebinde, die Fensterstürze und die Deckenleuchter mit diesem Motiv verziert, das an skandinavische Schmuckformen erinnert. Mit welchem Hintergrund diese Symbolik verwendet wurde, entzieht sich heute aber jeder Kenntnis.

Nachdem das Kriegsgefangenenlager 1921 aufgelöst wurde, verfiel die Kapelle zusehends, so dass die Stadtverwaltung sie abreißen lassen wollte. Doch führte ein Strom von Menschen, die nach dem Krieg in den alten Lagerbaracken als Heimkehrer oder Flüchtlinge vor Stalins Terror eine neue Unterkunft fanden dazu, dass die Kapelle weiter genutzt und schließlich instandgesetzt wurde. Seit 1928 gehört sie zur evangelischen Kirchengemeinde und trägt den Namen Heilandskapelle.

2012 bis 2014 stellte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz jährlich Mittel zur Verfügung, womit die Sanierung des Daches, der Holzfassaden und der Eingangstür gefördert wurden.

Schiff, Chor und Turm aus Holz in Blockbauweise mit reicher Schnitzerei, 1915/16, Förderung 2012-14

Adresse:
Eichenweg
15234 Frankfurt (Oder)
Brandenburg