Kossätenhaus
Bad Freienwalde, Brandenburg

Kossätenhaus

Das älteste Haus im Oderbruch

Das dünnbesiedelte Oderbruch im Osten Brandenburgs fasziniert mit einer nicht enden wollenden Weite, aber auch einer malerischen Ansammlung von historischen Dörfern, Fachwerkbauten und Kirchen. Die heutige Landschaft entstand im Wesentlichen ab 1747 unter Friedrich dem Großen. Nach der Begradigung der Oder führte er mit der Trockenlegung des vormaligen Binnendeltas die bereits unter seinem Vater begonnenen Arbeiten maßgeblich weiter. Es entstanden tausende Hektar fruchtbaren Ackerlands, die ab 1753 planmäßig besiedelt wurden. Im Angerdorf Altranft hat sich ein Gehöft erhalten, das noch vor dem Zuzug neuer Siedler entstand, es gilt heute als das älteste Haus im Landkreis Märkisch-Oderland.

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Ein regional bedeutsames Gebäude

Altranft zählt zu den Siedlungen am Rand des Oderbruchs, die auf eine mittelalterliche Gründung zurückgehen. 1375 wird der nahe der alten Handelsstraße von Frankfurt nach Stettin gelegene Ort erstmals erwähnt. Ursprünglich lebten die Bewohner Altdorfs vom Fischfang, der Freienwalder Landgraben und die Wriezener Alte Oder in der Nähe des Dorfes sind ehemalige Seitenarme des heute weiter östlich verlaufenden Flusses.

Das Fachwerkhaus am Dorfanger, im Zentrum von Altranft, wurde nachweislich 1698 und damit vor der Trockenlegung des Feuchtgebietes erbaut. Zeitlich einzuordnen ist seine Errichtung in die Wiederaufbauphase nach dem 30-jährigen Krieg, der das Odergebiet stark in Mitleidenschaft zog. Die Überschwemmungen der Region im Laufe der folgenden Jahrhunderte haben den originalen Bestand an solchen Häusern nahezu vollständig verschwinden lassen, somit gilt der Bau heute als das einzige nachweisliche Beispiel eines ländlichen Wohn- und Wirtschaftsgebäude dieser Zeit und macht ihn zu einem ganz besonderen Denkmal.

Wohnort für Kleinbauern

Der eingeschossige in Fachwerk ausgeführte Bau erhebt sich auf einem Sockel aus Feldsteinen und sticht besonders durch seinen straßenseitigen Giebel hervor. Vom Bautyp handelt es sich um ein märkisches Mittelflurhaus, das man durch einen Eingang auf der Giebelseite betritt. Die Wohn- und Funktionsräume des sogenannten Kossätenhauses wurden über einen zentralen Flur im Innern erschlossen. Als Kossäten bezeichnete man die Dorfbewohner, die ein einfaches Wohnhaus bewohnten, das ihnen vom Grundherren überlassen worden war. Als Gegenleistung flossen Barmittel und Naturalien aus eigenem Anbau oder Zucht. Auch sogenannte Hand- und Spanndienste waren zu verrichten, wie beispielsweise die Hilfe beim Einholen der Ernte. Da der kleine das Wohnhaus umgebende Grundbesitz oft schon nicht zur Sicherung des eigenen Lebensunterhaltes ausreichte, mussten sich viele Kossäten zusätzlich als Tagelöhner verdingen.

Hervorragend erhaltene Zeitschichten

Trotz der Tatsache, dass das Haus bereits seit rund 40 Jahren leersteht, haben sich im Innern zahlreiche Teile der Originalausstattung erhalten und machen den Bau somit zu einem wichtigen Zeugnis der Agrargeschichte des Oderbruchs. Straßenseitig befinden sich die Zimmer und Kammern, im hofseitigen Bereich schließt sich der Stall an: Feldsteinpflaster, Türen und historische Fenster veranschaulichen nicht nur die Lebensumstände zur damaligen Zeit sondern geben auch heute noch ein authentisches Bild historischer Handwerkstechniken.

Besonders ins Auge fallen die Reste von für ein solch einfaches Haus ungewöhnlich kunstvollen Wand- und Deckenmalereien in den repräsentativen Wohnräumen, die aus sämtlichen Bau- und Umbauphasen erhalten sind. Neben Resten der barocken Originalbemalung, die damals in auch einfacheren Leuten zur Verfügung stehenden Erdfarben gehalten sind, finden sich aus dem 19. Jahrhundert vorherrschend Blautöne in der Raumgestaltung, die erst durch die Erfindung synthetischer Farbpigmente erschwinglich wurde.

Auch an der Grundstruktur des Hauses lassen sich noch vielfach bauzeitliche Elemente entdecken. Teils findet sich in den Gefachen noch immer der originale Lehm zur Abdichtung der Gefachzwischenräume, und der heute mit einer Notdeckung versehene Dachstuhl zeigt die typischen, weiten Sparrenabstände, die als Untergrund für eine Reetdeckung verwendet wurden.

Wohnstallhaus, 1698 erbaut, eingeschossiger Fachwerkbau mit hohem Satteldach über einem niedrigen Feldsteinsockel, Förderung 2020, 2021

Adresse:
Am Anger
16259 Bad Freienwalde
Brandenburg