Sie erhob sich mehr als fünfhundert Jahre im Zentrum von Zerbst – bis sie im April 1945 mit der Stadt unterging: Die Nicolaikirche steht wie kein anderes Bauwerk für die Geschichte der ehemaligen anhaltinischen Residenzstadt. Mit dem größten Sakralbau Mitteldeutschlands sind viele Aspekte der Stadtgeschichte verbunden, von der frühen Stadtentwicklung über die Blütezeit der Stadt, die deutsche Religionsgeschichte und das Ende vieler Kunst- und Kulturdenkmäler im Zweiten Weltkrieg. Nur dank des Engagements Zerbster Bürger konnte St. Nicolai vor dem vollständigen Abriss gerettet werden und erinnert heute an die große Vergangenheit der Stadt an der Elbe.
Wohl noch im 12. Jahrhundert entstand im 1207 erstmals
urkundlich als Stadt genannten Zerbst eine romanische Basilika.
Reste dieses Baus sind im Südturm erhalten. Schnell entwickelte
sich die Nicolaikirche zum Mittelpunkt des städtischen
Wirtschaftslebens, um das Gotteshaus befanden sich die
Verkaufsstände der Handwerker, mehrere Märkte lockten Besucher in
die Stadt, die hier ihr Geld ausgaben. Durch den sich mehrenden
Wohlstand wurde 1430 mit dem Neubau einer gotischen Hallenkirche
begonnen, deren Chor 1446 vollendet war, das Schiff 1486. Die
Absicht der Bürgerschaft, mit dem Bau nicht nur ein Symbol der
Gottesfürchtigkeit, sondern auch des städtischen Wohlstands zu
errichten, lässt sich heute noch ablesen.
Schon 1522 kam Martin Luther auf Einladung des Rates der Stadt
nach Zerbst, die Ideen der Reformation fielen hier schnell auf
fruchtbaren Boden – Zerbst wurde die erste Stadt in Anhalt, die
sich dem neuen Glauben anschloss. 1578 wurde die Kirche die erste
Ordinariatskirche der Anhaltinischen Landeskirche. Die weitere
Geschichte von St. Nicolai ist eng mit den Ideen Philipp
Melanchthons verbunden, die zu einer Spaltung der evangelischen
Christen in Lutherische und Reformierte geführt hat. Die Pfarrer
der Nicolaikirche machten aus Zerbst ein Zentrum des reformierten
Glaubens in Deutschland. Bis zum Amtsantritt des lutherisch
erzogenen Fürsten Johann 1642 nutzten Anhänger beider
Glaubensrichtungen St. Nicolai, was zu Streitereien führte. Diese
wurden durch einen Vertrag beendet: St. Nicolai stand nun
ausschließlich den Reformierten zur Verfügung, doch sie mussten
sich finanziell am Bau einer lutherischen Kirche beteiligen. Erst
im 19. Jahrhundert verschmolzen beide Konfessionen wieder
miteinander. Lange Zeit sowohl von den Lutheranern als auch von den
Reformierten genutzt, übernahmen die Reformierten die Kirche 1642
allein und errichteten für 12.000 Taler eine neue lutherische
Kirche.
Seit der weitgehenden Zerstörung der Stadt im April 1945 ist die Kirche Ruine. Der Westbau mit seinen zwei Türmen bestimmt noch heute die Silhouette der Stadt. Heute lädt eine Aussichtsplattform zwischen den von Pyramidendächern bedeckten Bruchsteintürmen zum Blick über das Zerbster Land. Von der dreischiffigen gotischen Hallenkirche sind die Außenmauern und Teile der Mittelschiffsarkaden erhalten. Das querschifflose Langhaus erstreckt sich über acht Joche und wird von einem neunseitigen Hallenumgangschor mit durch Fialen geschmückten Strebpfeilern abgeschlossen. Hohe, spitzbogige Fenster lösen die Wand auf. Der Abbruch der Ruine konnte zwar 1950 durch Privatleute, Pfarrer und Denkmalpfleger verhindert werden. Die Witterung schädigte den Bau jedoch in den folgenden Jahren, das Mauerwerk stürzte an einigen Stellen ein. Um Schlimmeres zu verhindern, stellte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz direkt nach der Wende ab 1991 finanzielle Mittel für Sicherungsmaßnahmen bereit, die bis 2011 fortgeführt wurden.
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