Ein technikgeschichtlich überregional bedeutendes Dokument des Industriehallenbaus
Unter den Technischen Denkmalen, die die geschichtliche Entwicklung der menschlichen Erfindungsgabe anschaulich machen, bilden die Verkehrsdenkmale eine eigene Gruppe. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) fördert neben Eisenbahnen, Flugzeugen und Schiffen eigens auch Leuchtfeuer, Brücken, Wassertürme und Schleusen und zudem all das, was mit dem Schienenverkehr zu tun hat: Tunnel, Brücken, Bahnhofsanlagen, Güterbahnhöfe, Bahnbetriebswerke und Lokschuppen. Darunter eben auch das Eisenbahn-Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn in Mülheim an der Ruhr, die ob ihrer Innovationstechnik Beachtung verdient, und nicht nur, weil alles, was über Gleise rollt, Wartung und Pflege benötigt.
1874 wurde für die Rheinische Bahn eine neue, an den Bahnhof Mülheim-Speldorf angeschlossene Werkstätte für Lokomotiven- und Wagenreparatur errichtet. Sie bestand aus einer Richthalle und einer Dreherei. Nach Übernahme der Lokrichthalle durch die Preußische Staatsbahn im Jahr 1880 wurde die Halle um weitere Querstände erweitert. 1884 fügte man eine Kesselschmiede, eine Schreinerei und kleinere Anlagen hinzu. Zusätzlich vergrößerte man die Wagenabteilung durch Erweiterung der Richthalle. Umstrukturierungen im Güterverkehr, dessen Wagen und Lokomotiven schwerpunktmäßig in Speldorf repariert wurden, führten 1912 und 1914 zur Verlagerung der Wagenausbesserung von Speldorf nach Duisburg-Wedau und zur Modernisierung und Vergrößerung der Speldorfer Anlagen. Speldorf wurde mit seiner 254 mal 57 Meter großen Richthalle mit drei Gleisen und 90 Ständen zu einer der längsten Ausbesserungshallen der Deutschen Reichsbahn.
Damit wurde technisches Neuland beschritten. Mit dem 1918 fertig gestellten Bau dieser Halle in Stahlbindertechnik mit zwei Parallelschiffen und einem zweigeschossigen dritten Schiff für Zubringerwerkstätten wurden Längsstände nach amerikanischem Vorbild eingerichtet, die gegenüber den vormals üblichen Querständen den wesentlichen Vorteil hatten, dass die innen liegenden Schiebebühnen wegfallen konnten. Außerdem boten sie neuen langen Lokomotiven mehr Raum.
Die technische Aufrüstung mit der Umstellung auf das Fließverfahren verkürzte die Durchlaufzeit der Lokomotiven von 60 auf 17 Tage. Um 1950 erstreckte sich die Gesamtanlage auf einem 128.000 Quadratmeter großen Gelände, von dem 45.700 Quadratmeter bebaut waren. Hier arbeiteten rund 2.000 Menschen an jährlich über 1.000 Dampfloks. Von den alten Anlagen wurden die Lokrichthalle aus dem Jahre 1874, die mehrmals erweitert bzw. aufgestockt worden war, die Schmiede und die Dreherei weiter genutzt. Mit dem Ende der Dampflokära wurde Speldorf von der Deutschen Bahn am 31. März 1959 geschlossen.
Die Stadt Mülheim kaufte einen Großteil des Geländes für den Neubau eines Straßenbahndepots und für Industrieansiedlungen. Die Gebäude wurden von der Stadt und auch von der Bahn weiterhin genutzt. Als 2007 ein Wohnungsbauunternehmen Teile des Geländes kaufte, wurden die ersten Gebäude für den Abriss vorbereitet. Die Richthalle I wurde abgerissen, für die Hallen II und III wurde der Abbruchantrag gestellt. Das war der Startschuss dafür, dass sich Mitglieder verschiedener Ruhrgebietsvereine für den Erhalt der alten Dreherei zu kämpfen entschlossen. In den Hallen sahen sie einen idealen Standort für ihre vielfältigen Aktivitäten. Bei einer Internetversteigerung konnten sie die Halle II, die alte Dreherei, ersteigern und gründeten den Trägerverein Haus der Vereine, der nach zähen Verhandlungen mit der Stadt auch das Grundstück für über 90 Jahre pachten konnte.
Die Halle II ist die alte Dreherei. Das 1874 erbaute Bauwerk ist ein ursprünglich 27 mal 70 Meter messender Hallenbau, der um 1909 durch Verlängerung nach Norden auf 90 Meter Länge vergrößert wurde. Der Bau ist dreischiffig mit einem die Seitenschiffe überragendem Mittelschiff. Der Hallenaufbau spiegelt sich in der später verputzten Giebelfassade des Backsteinbaus wider. Der mittlere, höher geführte Stufengiebel ist um einen durch drei gekoppelte Rundbogen-Blendöffnungen gegliederten Aufbau erhöht, zeigt jedoch eine mit den Seitengiebeln gemeinsame Gliederung durch Rundbogenöffnungen und Stufenfries auf. Hohe Rundbogenfenster unterschiedlichen Formates mit gusseisernen Sprossen belichten die Halle. Die Lisenengliederung setzt sich an den Traufseiten fort. Von besonderer architektonischer Bedeutung ist die aus hölzernen Bindern bestehende Stütz- und Dachkonstruktion der Halle, die auf zwei Reihen gusseiserner Stützen ruht. Das Hängewerk hatte außer der statischen Funktion für das Gebäude auch die Aufgabe, schwere stählerne Maschinenteile der Lokomotive zu tragen, die mittels Laufschienen zur Bearbeitung durch die Halle transportiert wurden.
Das ehemalige Ausbesserungswerk bildet mit der zeitlich gestaffelten Abfolge seiner Großbauten ein technikgeschichtlich überregional bedeutendes Dokument des Industriehallenbaues. Doch durch eine undichte, teilweise fehlende Dachdeckung konnte ungehindert Nässe in die Halle eindringen und statische Schäden an der Binderkonstruktion verursachen. Daneben drang durch undichte Fenster, Mauerwerksrisse und mangelhafte Verfugung Feuchtigkeit in Mauerwerk und Raum. In der Folge war eine akute statische Gefährdung der Halle festzustellen. Es waren jahrelange Bemühungen der vielen Vereinsmitglieder vonnöten, bis die einzelnen Schritte zur Wiederherstellung erfolgreich abgeschlossen werden konnten. Die Deutsche Stiftung Denkmalschuss begleitete diesen Einsatz mit mehreren Förderungen zwischen 2009 und 2013.
Außergewöhnliche Denkmale aus Ihrer Region stellen wir Ihnen gerne mit Bild und Text zur Verfügung.
Seit ihrer Gründung vor 40 Jahren förderte die private Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) über 772 Maßnahmen an „Technischen Denkmalen“, davon 115 Verkehrsdenkmale. Die 1985 gegründete spendensammelnde Stiftung unterstützt engagierte private, kirchliche und kommunale Denkmaleigentümer beim Erhalt ihrer Bauwerke. Denkmalpflege als staatliche Aufgabe wird dank dieser bürgerschaftlichen Unterstützung zu einem gesamtgesellschaftlichen Auftrag. Die DSD konnte bisher für den Erhalt von 7.400 Denkmalen unserer Baukulturlandschaft mehr als eine dreiviertel Milliarde Euro zur Verfügung stellen und damit ein deutliches Zeichen setzen.