Grafenhaus auf dem Herrnhaag
Büdingen, Hessen

Grafenhaus auf dem Herrnhaag

Im Land der Toleranz

Als Graf Ernst Casimir zu Ysenburg und Büdingen 1712 sein Toleranzedikt erließ, schuf er einen bemerkenswerten Raum für Andersdenkende, und gleichzeitig wirtschaftliches Wachstum innerhalb seiner Grafschaft. Diese Möglichkeit nutzten gleich mehrere Glaubensgemeinschaften, die bei ihren Landesherrn in Ungnade gefallen waren, darunter auch die Herrenhuther Brüdergemeine. Gegründet 1722 von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf im sächsischen Herrnhut, musste die Gemeinschaft Sachsen 1738 verlassen. Auf dem Haager Berg bei dem heute hessischen Büdingen gründete man eine neue Siedlung, die der Lebensweise ihrer Bewohner entsprach. Sie wurde fortan Herrnhaag genannt. Wichtiges Zentrum war das Versammlungsgebäude, „Lichtenburg“ genannt, das heute noch erhalten ist.

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Für die Gemeinschaft erbaut

Die „Lichtenburg“, liegt im Zentrum der ehemaligen Siedlung und war das „Wohnzimmer“ der Gemeinschaft, wie Graf von Zinzendorf es nannte. Hier wurden auch Gottesdienste gefeiert. Gemeinsam mit dem anschließenden „Schwesternhaus“ und dem überdachten Brunnen veranschaulichen die verbliebenen Gebäude auch heute noch die Lebensweise der pietistischen Gemeinschaft. Von dem quadratischen Platz, in dessen Mitte der Brunnen stand, führten kreuzförmig angelegte Wege zu den insgesamt 18 Gebäuden, in denen bis zu 1.000 Personen in Gemeinschaften lebten. Diese waren nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern pflegten Kontakte in alle Welt. Als nach dem Tod des Büdinger Grafen dessen Sohn das Toleranzedikt rückgängig machte und sie nur drei Jahre nach der Fertigstellung der letzten Gebäude im Jahr 1750 ausgewiesen wurden, zerstreuten sich die Herrenhuther Brüder in alle Welt, wo sie nach dem Herrnhaager Modell neue Brüdergemeinschaften gründeten.

Wiederbelebung

Nach Abzug der Brüdergemeine wurde die Anlage mehrfach verkauft bis sie an den Büdinger Fürsten fiel, der 13 der 18 Bauten abtragen ließ und sich hier eine Sommerresidenz einrichtete. Später versuchte man in Herrnhaag Manufakturen zu gründen und im 19. Jahrhundert lebten hier zeitweise religiöse Flüchtlinge vor ihrer Auswanderung nach Nordamerika. In der Folge wurde Herrnhaag als Steinbruch für die umliegenden Orte genutzt. 1959 gründete sich der Verein der Freunde des Herrnhaag e.V., erwarb 1960 Nordherrnhaag und begann mit der Sicherung und Wiederbelebung der verbleibenden Bauten. Heute wird das Schwesternhaus wieder von der „Sozietät Herrnhaag e.V.“ bewohnt, einer ökumenischen Lebensgemeinschaft der Herrnhuter Brüdergemeine. Die Lichtenburg als bedeutendes Zeugnis der religiösen Toleranz im 18. Jahrhundert wurde mit Hilfe der Stiftung 2018 saniert. Hauptaugenmerk lag hierbei auf der Sanierung des Dachs, der Innenräume und Natursteine im Außenbereich.

Herrnhuter Siedlung, 1738-1753, teilweise zur gräflichen Sommerresidenz umgebaut, Förderung 2016, 2018

Adresse:
63654 Büdingen
Hessen